Unsere Lesetipps – Winter 2024

Aussen grau, innen bunt: unsere Winterauswahl befasst sich mit nahen und fernen Orten, früheren und heutigen Zeiten, kleineren und grösseren Problemen. Gute Lektüre!

Tipp von Christine Burlet, Leitung Mediothek
«Der Zauber der Stille» von Florian Illies

In vier grossen Kapiteln (Feuer, Wasser, Erde, Luft) erzählt Florian Illies vom Leben und Malen Kaspar David Friedrichs, dem bedeutenden deutschen Romantiker. Mit unglaublich viel Detailwissen und ohne falschen Respekt lässt uns der Autor so allerhand wissen – dass Friedrich keine Menschen malen konnte, zum Beispiel, und darum seine berühmten langgezogenen Rückenfiguren schuf. Illies verfolgt die Wege der berühmten Gemälde bis heute, sodass man viel über die spätere Rezeptionsgeschichte erfährt. Das muntere Springen durch Raum und Zeit braucht etwas Konzentration, bringt aber Lesespass und viele Aha-Erlebnisse.

Die Biografie erscheint nicht von ungefähr gerade jetzt: Kaspar David Friedrich ist 1774, vor genau 250 Jahren, zur Welt gekommen. Das Jubiläum ist ein guter Anlass, diesen beindruckenden Könner näher kennen zu lernen.
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Tipp von Lilian Reichmuth, Ausleihteam
«Im Fallen lernt die Feder fliegen» von Usama al Shahmani

Das Mädchen Aida aus dem Irak wird in einem Flüchtlingslager im Iran geboren und kommt mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Nosche in die Schweiz. Dort besucht sie die Schule und lernt die Sprache. Auf Verlangen des Vaters, einem konservativen Theologen, zieht die Familie nach dem Sturz Saddham Husseins zurück in den Irak, der für beide Mädchen fremd ist. Als die ältere Schwester zwangsverheiratet werden soll, fliehen die beiden Mädchen zurück in die Schweiz.

Mir gefällt das Buch, da es die einzelnen Charaktere sehr einfühlsam schildert und den Begriff Heimat diskutiert – ist die Heimat das, was auf dem Pass steht oder unsere Erfahrung, die wir als Kinder und Jugendliche machen? Kann man sich selber eine Heimat schaffen? Wie der Titel bereits verrät, ist der Roman reich an poetischen Bildern und sprachlichen Vergleichen, die aus der Handlung einen wunderschönen Roman entstehen lassen. 
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Kinderbuch-Tipp von Magdalena Forno, Nutzerin Mediothek Lachen (9 Jahre)
Buchreihe «Jolle und ich» von Katja Frixe

Hallöchen Wasserflöhchen! Jolle ist ein sprechender Pinguin, und zwar ein ziemlich frecher. Und der wohnt seit neuestem bei Thea und ihrer Familie. Klar, dass dies jede Menge lustige Situationen, einiges an Chaos und ziemlich viele Probleme mit sich bringt. Theas Schwester Rieke findet das neue Haustier voll peinlich, aber Thea hat Jolle sofort ins Herz geschlossen und beschliesst: ihr bester Freund muss unbedingt bleiben!

In dieser Geschichte bringen einen schon die Kapitelnamen zum Lachen, und man kann richtig toll mitfiebern. Besonders schön ist das Buch auch durch die vielen witzigen Illustrationen.
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Tipp von Urs Schütz, Mitglied Mediothek
 «Die schwarze Rose» von Dirk Schümer

Als Ketzer denunziert, muss sich der deutsche Prediger Eckhart von Hochheim im Jahr 1328 am Hof des Papstes in Avignon der Inquisition stellen. Er ist in Begleitung seines Novizen Wittekind. Sie werden in einen Finanzbetrug von europäischem Ausmass hineingezogen und müssen sich buchstäblich ihrer Haut wehren. Im Schatten des Papstpalasts – in dem der Papst Johannes XXII nur ein Credo kennt: Geld! – sind auch William von Baskerville und William von Occam den Tätern auf der Spur. 

Die Personen (einige sind historisch verbürgt) sind lebendig dargestellt. Die Handlung ist packend, flüssig geschrieben, wenn auch manchmal etwas verzwickt, weil Geschichte, Kirche, Religion und Alltagsleben ineinandergreifen. Wer Umberto Ecos «Der Name der Rose» gelesen hat, wird mit Sicherheit auch dieses Buch schätzen. Ich habe das Buch mit grossem Genuss gelesen.
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Kinderbuch-Tipp von Christine Burlet, Leitung Mediothek
 «Ein Indianer wie du und ich» von Erna Sassen

Boaz hat es sofort gewusst: Aisha, die neue Klassenkameradin, ist eine echte Indianerin. Sie hat es am liebsten still, wie er, und ihr gefallen die Bilder in seinem Indianer-Büchern. Dass die beiden ihre Sprachen gegenseitig kaum verstehen, macht nichts. Dank der feinfühligen Lehrerin werden der einsame Boaz und das schüchterne Flüchtlingsmädchen sofort ein Team. Wären da bloss nicht Boaz’ Eltern, die den gescheiten Jungen lieber eine Klasse weiter sähen. Wie Boaz es schafft, in der Klasse bleiben zu dürfen, erzählt diese zarte, schön illustrierte Geschichte. Eltern und Kinder können dieses Buch wunderbar gemeinsam lesen.
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Tipp von Heike Kuhn, Ausleihteam 
«Kleine Probleme» von Nele Pollatschek

Lars wollte eigentlich die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr dafür nutzen, alles zu erledigen, was schon ewig auf Erledigung wartet: Steuererklärung, Wohnung putzen, Lebenswerk schreiben, mit dem Rauchen aufhören – Das neue Jahr, so sein Plan, sollte in einem aufgeräumten Leben beginnen. Nun ist aber plötzlich der 31. Dezember und die To-Do-Liste ist noch nicht kleiner geworden…

Dieser kurze Roman ist tragisch, unglaublich lustig und gleichzeitig philosophisch – wo dienen schon die Einzelteile eines Ikea-Bettes als Metapher für die Unzulänglichkeit unserer menschlichen Eigenschaften? Und ganz egal, wie sehr man mit seinen eigenen To-Do-Listen hadert – nach diesem Buch ist einem klar: es geht immer noch schlimmer, und irgendwie ist man doch in Ordnung, so wie man ist.
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Tipp von Christine Burlet, Leitung Mediothek
«Eva» von Verena Kessler

Was, wenn Sina nicht schwanger werden kann? Wenn Mona nie Kinder bekommen hätte? Wäre die Welt dadurch ein besserer Ort? Ja, findet Klimaaktivistin Eva Lohaus: Nur ein Geburtenstopp kann unseren Planeten noch retten. Während sie mit den Konsequenzen ihrer radikalen Vision kämpft, hadern die Schwestern Sina und Mona mit ihren eigenen Lebensentwürfen. Doch erst die Begegnung mit Monas neuer Nachbarin verändert den Blick aufs Muttersein wirklich. 

In vier ineinander verschlungenen Porträts umkreist die Autorin die Frage nach unserer Einstellung zur Mutterschaft. Dynamisch erzählt und gekonnt konstruiert hat mich der Roman sofort in Bann geschlagen. Aber das Beste daran ist, dass er einfühlsam bleibt, keine Stellung bezieht und so die grossen Fragen in leisen Tönen stellt.
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