Unsere Lesetipps – Herbst 2022

Zum Nachdenken, fundiert recherchiert, spannend oder heiter? Unsere Tipps für lange Leseabende helfen weiter.

Tipp von Christine Burlet, Leitung Mediothek Lachen
«Kleine Dinge wie diese» von Claire Keegan

Kohlenhändler Bill Furlong hat in den kalten Tagen vor Weihnachten alle Hände voll zu tun. Während seine Frau Eileen und die fünf Töchter mit den Festtagsvorbereitungen beschäftigt sind, beliefert er noch so viele Kunden wie möglich. Niemand soll frieren über Weihnachten und ausserdem sind es harte Zeiten im Irland von 1985. Als er eine Ladung Holzkohle zum örtlichen Kloster bringt, macht er in dessen Keller eine Entdeckung, die ihn zutiefst verstört.

Claire Keegans Buch ist nur ein schmaler Band, aber genau richtig dosiert: unprätentiös und ruhig, präzise und schön. Auf berührende Weise richtet sie unser Augenmerk auf die Magdalenen-Wäschereien der katholischen Kirche, in denen junge ledige Mütter versteckt und zur Arbeit gezwungen wurden. Das Buch liest sich wie eine Weihnachtsgeschichte, eine traurige, aber auch hoffnungsvolle.
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Tipp von Lilian Reichmuth, Ausleihteam Mediothek Lachen 
«Die Dinge beim Namen» von Rebekka Salm

Ein kleines Dorf, jeder kennt jeden, jeder weiss oder meint zu wissen, was geschieht oder geschehen ist – und alle schweigen. Wurde Sandra vergewaltigt? Wurde der Jude ermordet? Wer hat etwas gesehen? Nur der Junggeselle Vollenweider schreibt als Zeuge die Wahrheit auf. Auch Chantal, die Prostituierte, kennt das Seelenleben ihrer Kunden und der geistig eingeschränkte Freddy weiss alles über Käfer. Die «Wissenden» in diesem Roman sind die Aussenseiter und kennen die Wahrheit. Oder auch nicht? Das verrät uns Rebekka Salm in ihrem spannend und einfühlsam geschriebenen Roman erst am Schluss.
Das Romandebüt von Rebekka Salm ist eine Perle. Selten findet man so einfühlsame Beschreibungen über Seelenzustände. Ein Buch das nachhallt.
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Krimi-Tipp von Urs Schütz, Nutzer Mediothek Lachen 
«TH1RT3EN» von Steve Cavanagh

Hollywood-Star Robert Solomon wird des brutalen Mordes an seiner Frau angeklagt. Es ist der Prominentenmordprozess des Jahrhunderts, und die Verteidigung will den Hochstapler und Anwalt Eddie Flynn im Team haben. Alle Beweise deuten auf Roberts Schuld hin, aber als der Prozess beginnt, wecken eine Reihe unheimlicher Vorfälle im Gerichtssaal Zweifel in Eddie: Was ist, wenn der Mörder unter den Geschworenen sitzt?

Dies ist ein erstaunlich cleverer Thriller, der auf einem interessanten Konzept beruht. Er ist hochspannend geschrieben. Er kombiniert ein hochaktuelles Gerichtsdrama mit einem atemlosen Versuch, die Identität eines Serienmörders aufzudecken, und wird am Ende von einer schockierenden Wendung gekrönt. In jedem Kapitel wechseln sich die Perspektiven der beiden Hauptfiguren ab, wobei der Mörder in der dritten Person und Eddie in der ersten Person erzählt. Ihre Gedanken und Absichten ergänzen sich, beide sind methodisch und berechnend, stehen aber auf völlig entgegengesetzten Seiten des Gesetzes. Eddie ist im Gerichtssaal ziemlich gerissen und man wartet auf immer neue Tricks von ihm. Der Mörder ist bösartig, sadistisch, hochintelligent und versteht es, seine Spuren (fast) immer zu verwischen und sie auf jemand anderen hindeuten zu lassen.

Achtung: Nichts für empfindsame Gemüter!
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Tipp von Lilian Reichmuth, Ausleihteam Mediothek Lachen 
«Gretchen»– Reihe von Susanne Abel

So viele Fakten so spannend verpackt, ich musste einfach immer weiterlesen! Die Autorin Susanne Abel hat genau, umfangreich und gut recherchiert, das Literatur- und Filmverzeichnis sowie das Nachwort listen genau auf, was historisch belegt und was fiktiv ist.

«Stay away from Gretchen. Eine unmögliche Liebe» Schweigen ist das grosse Thema in diesen Büchern, die Geschichte erzählt die frühe Nachkriegszeit in Deutschland. Im Mittelpunkt des ersten Buches steht das Thema der «Brown Babies»: Rund 4800 Kinder wurden von afroamerikanischen GIs und deutschen Frauen gezeugt. Rassenwahn im Krieg, Rassenwahn der Amerikaner in Deutschland in der Nachkriegszeit. Die Autorin spannt gekonnt auch den Bogen in die Gegenwart, wo es um die Anfeindungen wegen der Flüchtlingsströme im Jahr 2015 gegen die Bundeskanzlerin Angel Merkel geht. Geschickt erzählt sie im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, berührend, facettenreich und spannend die Familiengeschichte von Gretchen.
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«Was ich nie gesagt habe. Gretchens Schicksals-Familie» Dieses Buch knüpft an Gretchens Familiengeschichte an und behandelt in gleicher Manier die Themen Euthanasie, Bücherverbrennung, sexuelle Aufklärung, die ganze Problematik der künstlichen Befruchtung mit anonymen Samenspendern. Die Figuren werden in der Gegenwart immer wieder vom Schatten der Vergangenheit eingeholt, aber die Erzählung findet ihren Weg durch die dicksten Wände des Schweigens.
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Krimi-Tipp von Urs Schütz, Nutzer Mediothek Lachen 
«Glutnacht» von Michael Connelly

In bewährter Krimi-Manier (es ist Connelly 33. Buch und das zweite mit den beiden Protagonisten) geht es um mehrere Fälle, darunter ein offensichtlicher Selbstmord eines Teenagers, die Verbrennung eines Obdachlosen in einem Zelt und der Mord an einem Richter des Obersten Gerichtshofs.

Während die junge, ehrgeizige Polizistin Renée Ballard die ersten beiden Fälle während ihrer Nachtschichten untersucht, wird Harry Bosch, der seit vier Jahren pensionierte Polizist, von seinem Halbbruder, dem Strafverteidiger Mickey Haller, in den Mord an dem Richter hineingezogen. Zusätzlich beschäftigt ihn ein alter Fall: Nachdem er an der Beerdigung seines ehemaligen Mentors Thompson teilgenommen hat, übergibt ihm die Witwe ein Heft, das Thompson offenbar seit 20 Jahren aufbewahrt hatte. Darin geht es um einen ungelösten Mord an einem jugendlichen Gangmitglied.

Das Buch ist klar und spannend geschrieben, die Handlung schreitet zügig voran. Die Kapitel wechseln zwischen Ballard und Bosch, auch wenn schliesslich die Fälle miteinander verwoben sind. Die Figuren sind, das ist kein Nachteil, auf zuverlässige Weise vorhersehbar. Connelly wird seinem Ruf als einer der besten Krimischreiber durchaus gerecht.
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Tipp von Christine Burlet, Leitung Mediothek Lachen
«Das Glück hat acht Arme» von Shelby van Welt

Wer ich bin? Ich heiße Marcellus, aber so nennen mich nur wenige. Meistens sagen die Leute »der da«. Zum Beispiel: »Guck dir den mal an!«, »Da ist er!« oder »Da, hinter dem Stein sieht man einen Fangarm!« Ich bin ein Pazifischer Riesenkrake. So steht es auf dem Schild neben meinem Becken. Ich weiß, welcher Einwand jetzt kommt. Ja, ich kann lesen. Ich kann vieles, womit niemand rechnen würde.

Marcellus ist in der Tat ein sehr kluger Oktopus, aber für Menschen würde er keinen Tentakel rühren – bis er sich mit Tova, die nachts das Sowell Bay Aquarium putzt, anfreundet. Sie erzählt ihm von ihrem Sohn, der vor Jahrzehnten verschwand. Marcellus erkennt bald ein Geheimnis, von dem Tova nichts ahnt. Jetzt hat er alle acht Arme voll zu tun, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, solange die Zeit noch reicht.

Im Wechsel sind die Kapitel aus Sicht von Marcellus, Tova und Cameron, einem jungen Tunichtgut mit Potential, erzählt. Wie die Fäden zusammenpassen, weiss zunächst nur Marcellus und die Leserin, aber am Ende kommt alles, wie es muss. Der Roman hält genau, was das schöne Cover verspricht: eine heitere Geschichte mit sympathischen Figuren und coolem Leseflow.
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